Teil 3 - Armenien

12. Tag: SA 31.05.2014, Klösterstrasse - Dilijan

Wir laufen vom georgischen Staatsgebiet durch das "Niemandsland" und werden von armenischen Zollbeamten empfangen, same procedure as at almost every border... hier am Grenzübergang Bagrataschen. Unser Gepäck wird in einen armenischen Bus umgeladen. Leider ist dieser von der Anzahl vorhandener Sitzplätze wesentlich kleiner bemessen, so dass nicht jeder Reiseteilnehmer einen Fensterplatz bekommt. Wir sind von der georgischen Reiseagentur und dem dort gestellten Bus eben sehr verwöhnt. Wer zuerst drin sitzt, hat gewonnen. Ältere Ehepaare werden zu "Einzelzimmer- Buchern": einer beansprucht zwei Plätze links vom Gang, der andere die beiden Plätze rechts... Nachzügler haben das Nachsehen und für die letzte Woche einen Platz auf der Rückbank gewonnen. That's life - wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Na ja, man könnte auch routieren, aber das ist ein anderes Thema.

Unser Reiseleiter in Armenien heißt Artur. Die Reisegruppe wird nicht seine Tafelrunde werden.

Artur schlägt vor, das Programm für heute umzustellen. Die Gruppe lehnt es ab, Wir würden sonst erst gegen 22:00 unser Übernachtungshotel erreichen. Das ist uns zu spät, Artur is not amused.

Also beginnen wir die Fahrt auf der "Klösterstrasse" mit dem Besuch im Kloster Haghpat (UNESCO- Weltkulturerbe), gelegen in einem ärmlichen Dorf auf einem zerklüfteten Bergplateau. Die weiträumige Anlage besteht aus 4 Kirchen, mehreren Kapellen, Bibliothek, Refektorium, Empfangshalle und Mausoleum. Der Komplex ist ein herausragendes Beispiel für die mittelalterliche armenische Architektur. Typisch für die armenischen Klosterbauten sind die kuppelartigen Gewölbe, in deren Mitte eine Lichtöffnung eingelassen ist. In der Hauptkirche begrüßt uns ein Priester und wünscht uns einen schönen Urlaub in Armenien, Artur dolmetscht.

Weiter gehts zum Kloster Odzun mit seiner Kirche aus dem 7. Jh., die eigentlich eine Kathedrale ist. Der verbaute helle Stein, die ungeheure Größe und die umgebenden Arkaden kennzeichnen diesen Kirchenbau, dessen Errichtung auf den legendären Katholikos Yowhan von Odzun zurückgeführt wird. Auch diese Kirche liegt in einem armen Dorf, dessen Bewohner von den wenigen Besuchern leider nicht profitieren, vielleicht mangels eigener Geschäftstüchtigkeit.

Das nicht weit entfernte Kobajr Kloster ist ohne Ortskenntnis nur schwierig zu finden. Nur mit Konzentration lässt es sich wie ein Schwalbennest am Schluchthang entdecken. Der Aufstieg hinauf ist beschwerlich, wird aber mit dem Anblick meterhoher wunderbarer Fresken belohnt.

Armeniens heutiges Staatsgebiet entspricht etwa 10% der einstigen Größe, 2/3 aller Armenier leben heute im Ausland, also in der Diaspora. Dieses Volk blickt auf eine dramatische Geschichte zurück. Sie beginnt mit dem Reich der Urartäer im 9. Jh. vor Chr. Das armenische Reich zur Zeit Tigrans des Großen, etwa 80 vor Chr., erstreckte sich über ein riesiges Gebiet zwischen östlichem Mittelmeer, Schwarzem Meer und Kaspischem Meer. Die dann folgenden Jahrhunderte bescherten dem armenischen Volk Kriege, Zerstörung, Verfolgung, Teilung und zunehmende Beschneidung des ursprünglichen Staatsgebietes. Eine der schlimmsten Epochen war der von den Türken Anfang des letzten Jahrhunderts verübte Völkermord an den Armeniern.

In alle Winkel der Welt wurden die von ihren Eroberern verfolgten Armenier vertrieben, aber auch florierende Handelsbeziehungen sorgten für ihre weltweite Verbreitung. Man sagt den Auslands- Armeniern noch raffiniertere kaufmännische Fähigkeiten nach als den Juden. Vermutlich eins der vielen gängigen Vorurteile. Zumindest gibt es zahlreiche Multimilliardäre unter ihnen. Wollten alle Diaspora- Armenier zurück in ihre ursprüngliche Heimat, es stünde im heutigen Staat Armenien wohl nicht genug Platz zur Verfügung, sie alle wieder aufzunehmen.

Heute leben etwa 8 Mio. ethnische Armenier über die ganze Welt verstreut. Die Reichen unter ihnen, und das sind wie gesagt nicht wenige, sind wichtige Sponsoren des armenischen Gemeinwesens. Sie spenden und stiften Gebäude und Einrichtungen, die allein aus den Steuereinnahmen im Lande niemals finanziert werden könnten. Ohne die finanzielle Hilfe der Diaspora- Armenier würde ihr Land zu den ärmsten der Welt gehören. Das ist schon eine bemerkenswerte Besonderheit.

Unsere heutige Unterkunft ist das Best Western Paradise Hotel im Kurort Dilijan. Es ist das komfortabelste Hotel auf unserer Reise. Der Kurort Dilijan liegt in einem bewaldeten Tal. In diesem Hotel stimmt wirklich alles, die Zimmer, die Einrichtungen und die Gastronomie.


13. Tag: SO 01.06.2014, Sevan-See - Jerevan

Das Programm beginnt mit leichter Verspätung. Unser Reisekamerad Volker ist auf dem nassen Badezimmerboden seines Hotelzimmers unglücklich ausgerutscht und hat sich den Kopf aufgeschlagen. Die Wunde muss erst einmal ärztlich behandelt werden bevor es weitergeht. Der Doc sei nicht zimperlich gewesen und habe die klaffende Wunde ohne Betäubung mit 5 Stichen genäht, berichtet Volker bei seiner Rückkehr.

Als erstes Ziel besuchen wir heute das Kloster Goschavank, das sich malerisch in gut 1.200 m Höhe am Abhang eines Berges erhebt und mit prachtvollen Kreuzsteinen neben dem Eingangsportal aufwartet. Das nicht mehr kirchlich genutzte Kloster wird gerade renoviert. Die zahlreichen Touristen werden aus Sicherheitsgründen mit Flatterband vom Betreten einiger Außenanlagen abgehalten.

Ein Kreuzstein, armenisch Chatschkar, ist eine Stele bzw. Steinplatte mit eingraviertem Kreuz und einer Ornamentik aus Flechtwerk, Ranken, Tierformen, Rosetten und vielen anderen Verzierungen überzogen. Der Fantasie und künstlerischen Qualität war keine Grenzen gesetzt. Die Grundstimmung ist stets fröhlich und optimistisch. Es finden sich weder Dämonen noch Teufel.

Unweit davon erwartet uns das Kloster Hagartzin, dessen Hauptkirche über bemerkenswerte dekorative Bauplastik verfügt. Ein Priester spricht uns auf Deutsch an, woher wir kämen? Dann erzählt er, dass er schon in vielen deutschen Städten gewesen sei und zählt deren Namen auf. In Deutschland wäre er immer wieder gern und würde die dort lebenden Auslands- Armenier seelsorgerisch betreuen. Es gäbe kleine Gemeinden der Armenischen Kirche in Deutschland, mit denen er dann den Gottesdienst feiern würde.

Von hier geht es zum Sevan-See. Mit einer Fläche von 940 qkm ist dieser Binnensee doppelt so groß wie der Bodensee und mit seiner Höhe von etwa 1900 m über dem Meeresspiegel ist er einer der größten Hochgebirgsseen der Welt. Wir legen eine Mittagsrast ein in einem typischen Ausflugslokal für Touristen und erholungssuchende Armenier. Auf der Terrasse mit Blick auf den Sevan- See bekommen wir heimischen Fisch serviert.

Dann steigen wir die 226 Stufen hinauf zu dem eindrucksvoll auf einer Halbinsel gelegenen Sevan-Kloster aus dem 9. Jh. Heute sind noch die beiden Kirchen (Apostel- und Muttergottes- Kirche) und einige Ruinen zu sehen. 

Inzwischen haben wir festgestellt, dass die alten armenischen Kirchen bei aller Schönheit und kirchenhistorischer Bedeutung keine wirklich großen Überraschungen bergen. Sorry! Sie bestehen immer aus einer sogenannten Vorhalle und dem sich anschließenden Kirchenschiff, beides in Kuppelbauweise und mehr oder weniger quadratisch gebaut. Die darin zu findenden Ikonen und Gemälde unterscheiden sich für uns Laien nur unwesentlich. Kunst- und Kirchenhistoriker werden das wohl mit einem völlig anderen Auge sehen. Wenn also für die nächsten Tage die eine oder andere Kirche auf dem Programm steht, die nur nach einem "mühsamen Fussweg" erreichbar ist, werden sich einige Reiseteilnehmer die Besichtigung überlegen, ich auch...

Endlich erreichen wir die armenische Hauptstadt Jerevan. Unser Stadthotel, das Regineh, hat seine besten Jahre lange hinter sich und die 3 Sterne der inländischen Touristik- Gesellschaft sind wahrscheinlich gekauft. Zudem liegt es verkehrstechnisch ungünstig weit ab vom Zentrum. Aber egal, die Fahrt in die City oder zurück kostet mit dem Taxi nur wenige EUR. Das ist okay!

Es gibt ein Abendessen in einem armenischen Spezialitäten- Restaurant mit folkloristischer Musikbegleitung. Eine Musikkapelle spielt direkt neben unserem Tisch auf, wir verstehen unser eigenes Wort nicht mehr, und es dauert nicht lange bis sich von den Nachbartischen Armenier zum Tanz erheben. Als Spezialität gibt es heute abend "Chuzdsin", eine Art Gulasch aus Schweinefleisch im Brotsack. Artur hat mir den Namen des Gerichts aufgeschrieben, ich habe ihn später nirgendwo im Internet gefunden... Man bricht das schmackhafte Brot oben auf und ißt das eingebackene Fleisch mit den knusprigen Brotstücken.


14. Tag: MO 02.06.2014, Jerevan - Festung Amberd

Die Stadt ist die Heimat des imaginären - und tatsächlich auch real existierenden - Senders Radio Eriwan, der vor mehr als 20 Jahren für seine politischen, teilweise auch sexistischen Witze bekannt wurde, bei denen meist auf eine konstruierte Frage die stereotyp mit "Im Prinzip ja, aber..." eingeleitete Antwort folgte. Während man in der DDR schon den Namen Jerevan für die armenische Hauptstadt gebrauchte, hieß sie in der BRD noch Eriwan.

Frage an Radio Eriwan: "Ist es wahr, dass man die Partei kritisieren darf?"
Antwort: "Im Prinzip ja, aber es lebt sich in den eigenen vier Wänden angenehmer."

Frage an Radio Eriwan: "Gibt es einen Unterschied zwischen Wirbelsäule und Rückgrat?" Antwort: "Im Prinzip nein. Aber eine Wirbelsäule hat jeder."

Bei der Stadtbesichtigung am Vormittag machen wir einen ersten Stopp im Zentrum von Jerevan am Platz der Republik. Die den Platz ringförmig umschließenden Gebäude (Regierungsgebäude, Postamt, Historisches Museum, Luxus- Hotel Armenia Marriot) wurden Anfang des 20. Jh. von dem armenischen Architekten Alexander Tamanian entworfen und gebaut. Sein neoklassizistischer Sowjet- Baustil ist unverwechselbar und findet sich an vielen Gebäuden, wie z.B. dem Opernhaus wieder.

Wir sind unterwegs zur Festung Amberd auf halber Höhe des 4.095 m hohen Berges Aragaz. Die Festung stammt aus dem 12. Jh., sie bot allen Komfort der damaligen Zeit. Anfang des 15. Jh. haben die Mongolen das Bollwerk in Schutt und Asche gelegt, obwohl sich die Krieger des Steppenvolkes nur selten auf diese Höhe wagten.

Unterwegs halten wir an einem Denkmalfeld am Straßenrand. Es stellt die 39 Buchstaben des armenischen Alphabets in übergroßen Steinmonumenten dar. Die Armenier sind sehr stolz auf ihre Schrift, die aus dem 5. Jh. stammt und ursprünglich 36 Buchstaben hatte. 3 weitere für Umlaute sind dazugekommen. Nur dreizehn lebende Sprachen weltweit sollen eine eigene Schrift haben, sagt Artur. Dazu gehört übrigens auch die Georgische Sprache.

Mittagessen gibt es heute im Gartenpavillion eines Privathauses. Wir dürfen zusehen, wie das armenische ungesäuerte Fladenbrot Lavash gebacken wird. Dünn ausgerollte und von Hand gezogene große Teigfladen werden an die Innenwand eines glühenden Ton- Ofens geklebt und nach ganz kurzer Zeit fertig gebacken wieder abgezogen. Die Fladen sind nur hauchdünn. Mit ihnen werden Füllungen jeglicher Art eingewickelt. Sie ersetzen das Besteck.

In Aschtarak halten wir an der Ruine einer der ältesten Basiliken Armeniens, der Tsiranavor Kirche. Dieser Halt hat nun wirklich nur Bedeutung für "Hardcore- Kunsthistoriker". Der Himmel hat sich zugezogen und wir erreichen gerade noch trockenen Fusses den Bus, als sich ein kleiner Wolkenbruch entlädt. So schnell wie er gekommen war, ist der Schauer auch schon wieder vorbei. Wir haben großes Glück während der gesamten Rundreise. Nur zweimal regnet es kurz.

Mittlerweile hat sich aus der Reisegesellschaft ein Grüppchen aus zwei Ehepaaren und vier Einzelreisenden herausgebildet, die auf einer Wellenlänge liegen. Fürs Dinner hat unsere Mitreisende Uta uns in Jerevan das Restaurant The Club, 40 Tumanian Street, vorgeschlagen und reserviert. Es wird bei Tripadvisor ganz oben gelistet und ich kann wirklich die Qualität der Speisen zu angemessenen Preisen sowie den ausgezeichneten Service nur bestätigen. Das Restaurant ist unbedingt eine Empfehlung wert. Mein Tipp: "Steak on the Stone mit französischen Saucen". Dieser Restaurantbesuch gehört natürlich nicht zum Programm der Gruppenreise, ist aber das kulinarische Highlight der Reise.


15. Tag: DI 03.06.2014, Jerevan

Ein ganzer Tag in Jerevan, der mit einem Stopp an der Aussichtsplattform des Monuments für die 50-jährige Zugehörigkeit Armeniens zur Sowjetunion (1971) beginnt. Hier hat man eine sehr schöne Aussicht über Kaskadedie Stadt. Und von hier schaut man auch auf das Charles-Aznavour-Haus. Dem berühmten französisch-armenischen Chansonnier hat die Regierung ein nach ihm benanntes Kulturhaus mit Museum gewidmet, das auch eine Wohnung für ihn und seine Familie aufweist. Aznavour wird in Armenien als herausragender Künstler verehrt.

Unterhalb des Denkmals liegt die Kaskade, eine marmorweiße Stiege, die 100 m hoch die Stadt mit dem Sowjet- Monument verbindet. Über 5 Ebenen führen schier endlos wirkende Treppen vorbei an Museen, Geschäftsräumen, Hallen, Brunnen und Blumenbeeten. Auf dem Platz unterhalb der Kaskade finden sich einige skurrile Statuen und schöne Straßencafés.

Nächster Haltepunkt ist die persische Blauen Moschee aus dem 18. Jh. und die gegenüber liegende historische Markthalle. Der Bus spuckt uns aus, Reiseleiter Artur gibt uns eine Stunde "Freizeit" und sich selbst Auszeit. Das Gebäude der orientalischen alten Markthalle wurde vor einigen Jahren von einem Auslands- Armenier erworben. Er hat es entkernen lassen. Jetzt befindet sich hinter der erhaltenen historischen Fassade ein moderner Supermarkt, was Traditionalisten natürlich nicht gefällt.

Bei unserer kurzen Fahrt durch die Stadt kommen wir auch am Haus des Schachspielers vorbei. Ist Armenien das klügste Land der Erde oder das Denksportzentrum der Welt? Zumindest sind sie hier eine Schach-Supermacht: Sieger der Olympiade, Team-Weltmeister und die weltweit höchsten Pro-Kopf-Dichte an Großmeistern. In der Grundschule ist Schach Pflichtfach geworden. Leider erzählt uns Artur nichts von der besonderen Bedeutung des Schachsports für sein Land.

Jerevan zählt zu den ältesten Städten der Welt, so wie auch Rom oder Karthago. Seit 6.000 Jahren siedeln hier Menschen. Vom historischen Jerevan ist allerdings nicht mehr viel zu finden. Heftige Erdbeben und später die Sowjet- Regierung haben es komplett zerstört. Vor ca. 100 Jahren schuf der Architekt Tamanian die Stadt so, wie sie sich heute zeigt. Aus diesem Grund gibt es auch keine historische Altstadt wie in Tbilissi. Das Erscheinungsbild der Stadt ist geprägt durch imperialistische Sowjetarchitektur und "Plattenbauten" - letztere leider in einem teilweise erbärmlichen Zustand. Natürlich gibt es auch Neubauten und futuristische Bauprojekte wie das neue Sportstadion.

Es geht weiter zur urartäischen Festung Erebuni (782 v. Chr.), dem südlichen Gründungsort der Stadt Jerevan, wo uns eine engagiert wirkende Museums- Angestellte durch die Sammlung führt. Im Museum von Erebuni werden Exponate der Ausgrabungen ausgestellt.

Zurück im Zentrum erwartet uns Artur nach einem schnellen Imbiss, den wir mangels Tipps von ihm selbst organisieren müssen. "Wir treffen uns Punkt 13:45 Uhr" am Eingang zum Historischen Museum. Diese exakte zeitliche Fixierung ist sehr ungewöhnlich in einem Teil der Welt, in dem man es mit Pünktlichkeit nicht so genau nimmt. Im Museum selbst werden wir leider von einer älteren Angestellten recht lustlos durch die Ausstellung geführt.

Wir haben längst bemerkt, dass Reiseleiter Artur nach seinem Belieben das vorgesehende Programm im zeitlichen Ablauf ändert - nach unserem Eindruck um es zu strecken oder um für ihn selbst freie Zeit herauszuholen. "Liebe Reisefreunde, bitte zerstreuen Sie sich nicht!" ist ein beliebter Ausspruch von ihm, wenn er seine Herde zusammenhalten will.

BluetenprachtSo besuchen wir heute zwar noch die erst 2001 fertiggestellte Kathedrale Grigor Lusavoritsch ("Gregor der Erleuchter"), nicht aber die Genozid- Gedenkstätte. Arturs Begründung "Es ist zu heiß! Das holen wir Freitag vormittag nach."

Artur ist sehr ungeduldig und ungnädig mit der Gruppe, wenn diese nicht aufmerksam seinen dürftigen Erklärungen lauscht oder seine Weisungen nicht befolgt. Wir wissen inzwischen, dass er früher Lehrer war, und wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass er glaubt, eine Schulklasse vor sich zu haben, die er dirigieren kann. Artur und der Busfahrer reservieren sich zudem immer die besten Plätze bei unseren gemeinsamen Essen. Das wird alles nicht ohne Folgen bleiben.


16. Tag: MI 04.06.2014, Chor Virab - Noravank

Heute führt uns eine Exkursion in das von Weinbergen und Obstplantagen durchzogene Ararat-Tal. Vom Kloster Chor Virab haben wir einen herrlichen Blick auf den schneebedeckten Gipfel des 5.165 m hohen Ararat, den heiligen Berg Armeniens. Hier soll nach der Sintflut Noah seine Arche angelandet haben. Das ist natürlich völlig unmöglich angesichts der Vorstellung, welche ungeheure Wassermassen nötig gewesen wären um den Meeresspiegel auf der ganzen Welt um 5 km ( ! ) anzuheben...

Auch wenn der Ararat heute auf dem Staatsgebiet der Türkei liegt, ist er dennoch das Nationalsymbol der Armenier und im Wappen Armeniens abgebildet

Der Legende zufolge hat König Trdat III. im Jahre 298 n. Chr. hier Gregor den Erleuchter in eine Höhle einsperren lassen und ihn dort 13 Jahre lang gefangen gehalten um ihn vom christlichen Glauben abzubringen. Da weder Isolation noch Folter Gregor beugen konnte und dieser den König auch noch von einer als unheilbar angesehenen Krankheit heilte, ließ sich Trdat im Jahre 301 taufen und verfügte, dass die Armenier – als erstes Volk in der Geschichte – das Christentum als Staatsreligion annahmen. Eine andere Legende erzählt, Trdat habe Gregor ausgehungerten Löwen zum Fraß vorwerfen lassen. Diese jedoch hätten die Mahlzeit verschmäht, was die Armenier als Gotteszeichen ansahen und sich fortan zum Christentum bekannten.

Jedenfalls noch vor Georgien und auch vor Rom machten die Armenier das Christentum zur Staatsreligion. Gregor ist der Apostel Armeniens, er war der erste Katholikos, d.h. das erste Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche, die zur altorientalischen Kirche gehört.

Aber jetzt geht es erst einmal zur Weinprobe nach Areni, wo uns auf einem Weingut die weißen und roten Jahrgangsweine präsentiert werden. Leider können auch hier nur 1 bis 2 Weine gefallen. Als sehr gewöhnungsbedürftig bleiben ein verkosteter Kirschwein und ein Granatapfelwein in Erinnerung.

Leider sind wir zur falschen Jahreszeit hier, es ist noch nicht Saison für Granatäpfel. Sie gehören zu den ältesten Kulturfrüchten der Menschheit. Wissenschaftler glauben sogar, dass der "Baum der Erkenntnis" im Alten Testament ein Granatapfelbaum war. In Armenien ist die paradiesische Frucht Nationalsymbol. Das Land gilt als eines der Hauptanbaugebiete weltweit. Aber die Erntesaison beginnt erst im Spätsommer.

Die Weiterfahrt führt durch schroffe Landschaft zum Kloster Noravank mit seinen drei Kirchen und der Ruine der ersten Täuferkirche. An der Fassade der Mausoleumskirche führen links und rechts neben dem Eingangsportal steile und schmale Treppen zum Obergeschoss. Wegen zahlreicher Unfälle auf diesem ungesicherten Zugang wird davor gewarnt, die Treppen zu besteigen. Aber was ist verlockender als ein Verbot... Nach Zerstörungen durch Erdbeben der jüngsten Vergangenheit wurde die Klosteranlage erheblich renoviert. Sie gehört heute zu den wichtigsten Touristenattraktionen Armeniens

Auf unserem weiteren Weg halten wir an der Karawanserei Selim aus dem 14. Jh., ein historischer Rastpunkt auf der armenischen Seidenstraße. Die aus Basaltstein wieder aufgebaute Herberge ist innen unbeleuchtet, weshalb sich die Mitnahme von Taschenlampen empfiehlt. Die Karawanserei besteht im wesentlichen aus einer langen Halle, in der damals Menschen und Tiere lagerten.

Über den 2.410 m hohen Selim-Pass fahren wir nach Noratus, wo wir den gigantischen Friedhof des Ortes mit seinen mehr als 600 Kreuzsteinen aus acht Jahrhunderten besuchen. Beeindruckend neben den Kreuzsteinen sind die gelaserten Fotos der Verstorbenen auf den Grabsteinen. Man hat ein lebendiges Abbild des Verstorbenen vor sich. Und auch sonst herrscht hier Leben zwischen den Gräbern. Schafe weiden die Grasflächen ab und Frauen und Mädchen bieten selbstgestrickte Wollsocken und selbstgemalte Bilder an. Also dann: Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten!

Abends sind wir zurück in Jerevan. Auch heute abend hat unsere "Kerngruppe" wieder einen Tisch in einem guten Stadtrestaurant reserviert. Wir essen im Noyan Tun, 12 Amiryan St. Ich entscheide mich für Lobstersoup und Chilean Seabrass. Keine schlechte Wahl!


17. Tag: DO 05.06.2014, Garni - Geghard

Der Vormittag beginnt mit einer Fühung durch das Zentralinstitut für alte armenische Handschriften, das Matenadaran. Leider geht der Plan von Artur nicht auf, als erste Gruppe am Morgen hier zu sein und ungestört den Erklärungen der Bibliotheks- Angestellten zu lauschen. Eine Gruppe aus Österreich hatte wohl die gleiche Idee. 17.000 Handschriften werden hier verwahrt und beinahe wöchentlich werden es mehr. Warum? Reiche Auslands- Armenier erstehen wertvolle Handschriften auf den weltweiten Kunst- Auktionen und schenken sie dann der Sammlung des Matenadaran als Zeichen ihrer Verbundenheit mit dem Heimatland.

Wir verlassen Jerevan und fahren zur Festung Garni, erbaut im 1. Jh. n. Chr. von König Tiridates.Sie diente den armenischen Königen als Sommerresidenz. Garni ist durch den einzig erhaltenen späthellenistischen, heidnischen Tempel berühmt geworden.

Atemberaubend ist der Blick über den steilen Abgrund der Azat- Schlucht mit unzähligen Basaltsteinformationen. Und den dürfen wir zur Mittagszeit beim Lunch auf der Terrasse eines nahegelegenen Restaurants genießen.

So gestärkt geht es weiter zum Höhlenkloster Geghard (UNESCO- Weltkulturerbe), das sehenswerteste Armeniens. Die Klosteranlage, 9 km östlich von Garni im oberen Azattal, entstand im 10. – 13. Jh. und besteht aus mehreren ineinander verschachtelten Kirchenräumen. Die innerste, aus dem Tuffstein gehauene Kirche hat eine unbeschreiblich beeindruckende Akustik mit einer Nachhallzeit von ca. 5 Sekunden. Wir kommen eher zufällig in den Genuss eines Liedervortrages von fünf Sängerinnen. Die Reiseleiterin einer österreichischen Reisegruppe hat es organisiert, nicht unser Reiseleiter Artur.

Der Name Geghard bedeutet wörtlich übersetzt "Kloster zur Heiligen Lanze". Gemeint ist die Lanze, mit der ein römischer Soldat festgestellt hat, ob der gekreuzigte Jesus wirklich tot war. Der Apostel Taddäus soll die Reliquie ins Land gebracht haben. Sie wird heute in Etschmiadsin aufbewahrt und verehrt.

Zurück in Jerevan laufen wir nach dem Abendessen zum nahegelegenen Republiksplatz. Vor dem Historischen Museum gibt es die sogenannten "singenden Fontänen" der großen Springbrunnenanlage zu bewundern. Die Wasserfontänen werden in der Dämmerung farbig zum Takt der Musik beleuchtet, die den Platz beschallt. Ein stimmungsvoller Augen- und Ohrenschmaus! Das darf man bei einem Besuch in Jerevan nicht verpassen. Es erinnert ein wenig an die Wasserspiele des Bellagio Hotels in Las Vegas.


18. Tag: FR 06.06.2014, Etschmiadsin

Der Freitagvormittag beginnt mit dem nachzuholenden Besuch in Tsisernakaberd, der Gedenkstätte für die Opfer des Völkermordes. Bis zu 1.500.000 Armenier wurden in der Zeit des 1. Weltkrieges von den Türken ermordet und zwangsdeportiert. Die Gründe sind vielschichtiger Art. Auf den Zwangsmärschen in das öde Zielgebiet, die syrische Wüste und die mesopotamische Steppe, sind mehr als die Hälfte der Deportierten durch Hunger, Durst, Krankheit und Entkräftung umgekommen. Sie wurden wie Vieh durch die glühendheißen, baum- und wasserlosen Gebirgstäler Anatoliens getrieben. Die Überlebenden wurden erschlagen. Die Türkei weigert sich bis heute, sich zur Verantwortung für den Genozid zu bekennen. Das Deutsche Reich hat bei den Greueltaten seine Hände nicht in Unschuld gewaschen. Parallelen zur späteren Judenverfolgung der Nazis sind unübersehbar.

ARTE-TV hat den Genozid mit dem herausragenden Dokumentarfilm "Aghet - Der Völkermord an den Armeniern" von Eric Friedler thematisiert, den es auch auf DVD zu kaufen gibt. Mit etwas Glück findet man die Doku auch bei youtube.

Weiter geht es zum nur 20 km entfernten Etschmiadsin, erbaut an der Stelle der antiken Hauptstadt Vagharshapat. Die Kathedrale von Etschmiadsin (UNESCO- Weltkulturerbe) wird als der älteste christliche Ort der Armenier verehrt und stellt das religiöse Zentrum des Landes dar. Sie wurde auf Geheiß des ersten Katholikos, Gregor des Erleuchters, über den Fundamenten eines heidnischen Tempels errichtet. Das Kloster mit der Kathedrale ist auch heute wieder Sitz des Katholikos, derzeit Karekin II. Nersissian. Ich habe den Eindruck, an einem der wenigen Orte der Welt zu sein, die eine ganz intensive Wirkung auf uns Menschen ausüben.

In Etschmiadsin besichtigen wir noch die Hripsime- Kirche und die Gajane- Kirche. Sie verkörpern - wie auch die Kathedrale selbst - den Typus der Kreuzkuppelkirche, der die Sakralarchitektur der Region im 7. Jh. grundlegend prägte.

Das war es dann an Klöster- und Kirchen- Tour...

Als BWLer fällt mir das 2. Gossensche Gesetz ein, das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen. Es besagt, dass der Konsum eines Gutes mit zunehmender Menge einen immer geringeren Zusatznutzen (Grenznutzen) stiftet. So ist es m.E. wirklich, nicht nur für das Wasser, das uns vor dem Verdursten rettet, sondern auch mit Kulturstätten. Irgendwann ist der individuelle Bedarf gesättigt und man schaltet ab.

Nachmittags sind wir wieder in Jerevan. Unser vom Veranstalter so genanntes "Abschiedsabendessen" verläuft leider wie jedes Dinner während dieser Woche, völlig unspektakulär. Es gibt weder die Abschiedsrede eines gewählten Sprechers der Reisegruppe noch die obligatorische Dankesrede und Lobhudelei des Reiseleiters. Sorry, Artur, aber das hast Du Dir selbst zuzuschreiben. Reisegruppen sind keine Schulklassen.

Also nehmen wir unseren Abschiedsdrink an der Lobby- Bar des Regineh- Hotels. Heute haben sie hier wieder 10-jährigen armenischen Kognak im Sortiment. Das ist nicht selbstverständlich in dem Land, das genau für diese Spirituose weltberühmt ist.


19. Tag: SA 07.06.2014, Rückflug

Frühmorgens Transfer zum Flughafen. Artur erhält die nächste Quittung für seine mangelhafte Reiseleitung: sein Trinkgeld fällt äußerst mager aus... Von einem guten Reiseleiter erwartet man, dass er sich als Dienstleister versteht, nicht aber als Despot.

Um 04:25 Uhr fliege ich wie die meisten Mitreisenden mit TYROLEAN AIRWAYS über Wien zurück nach Frankfurt.

Meine Reise durch den Kaukasus hat mich sehr beeindruckt und ich kann jedem empfehlen, einmal einen Urlaub in dieser Region zu verbringen. Es muss ja nicht eine Klöster- und Kirchen- (Tor)Tour sein...

Möchten Sie nachlesen, was wir auf unserer Rundreise in Aserbaidschan und Georgien erlebt und gesehen haben? Bitte sehr, einfach auf den Ländernamen klicken!

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Meine Reiseliteratur- Empfehlungen für den Kaukasus:

Da wäre zunächst mal "Pulverfass Kaukasus: Konflikte am Rande des russischen Imperiums" von Manfred Quiring, Ch. Links Verlag,eine gute Einführung inGeschichteundaktuelle Politik in der Krisenregion nebst aufschlußreichen Reportagen. Hier wird auch die Interessenlage Russlands im Kaukasus sehr verständlich geschildert. 

Als beste Reiseführer kann ich die beiden Bände "Aserbaidschan" und "Armenien" aus dem Trescher-Verlag sowie den Reiseführer "Georgien" aus demReise-Know-How Verlag empfehlen. Letzterer ist mein Favorit!  

Schauen Sie mal, ob Sie das Video der Fritz Pleitgen- Reportage "Durch den wilden Kaukasus" bekommen... Pleitgen hat den Text auch als Buch im Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht.

 

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